Der Baumeister und sein GeselleWer an den beiden Westtürmen der Amstädter
Liebfrauenkirche emporblickt, dem fällt beim genauen Hinsehen ihre verschiedenartige Ausführung auf. Die Fachleute setzt das nicht in
Erstaunen, und sie sind rasch mit der rechten Erklärung zur Hand, indem sie auf das unterschiedliche Alter der Türme verweisen. Aber
das Volk ist mit nüchternen Beweisführungen allein kaum zufriedenzustellen. Es hält an bestimmten Merkwürdigkeiten fest und macht sich gern
seinen eigenen Reim auf die Dinge. So auch im Fall der beiden Türme.
Am vorderen erblickt man hoch oben einen
sich herabbeugenden Mann und einen Hund, von denen die geschwätzige Sage folgendes erzählt:
Ein alter, bewährter Meister war mit
der ehrenvollen Aufgabe des Turmbaues betraut worden. Er hatte einen jungen, begabten Gesellen, der überglücklich war, als ihm der Meister
die Ausführung des vorderen Turmes übertrug. Mit Feuereifer ging er an die Arbeit, um sich der Auszeichnung würdig zu erweisen.
Das Werk der beiden wuchs zusehends, und
das staunende Volk erlebte einen Wettstreit, der die ganze Stadt in Atem hielt. Schlicht und fest erhob sich der Turm des Meisters, sparsam mit
Ornamenten geschmückt. Aber der Geselle stand ihm in nichts nach, und mit zunehmender Dauer war für alle erkennbar, daß der Gesellenturm
insgesamt zierlicher ausfallen würde.
Das Großartigste leisteten die zwei bei der Gestaltung der oberen Turmgeschosse. Der Meister lockerte sein
Werk durch eine Galerie und einen Kranz von Giebeln auf, um es dann in einer kraftvoll hochgezogenen achtseitigen Spitze ausklingen zu lassen.
Der Geselle folgte im Großen dem Beispiel des Meisters. Allerdings war sein Turm von Anfang an achteckig. Mit der fortschreitenden Arbeit
gewann er immer mehr an Selbstvertrauen. Er ließ den ganzen Reichtum seiner Phantasie in das Werk einfließen und erreichte bei der Gestaltung
der letzten Turmgeschosse und des Daches eine Leichtigkeit und Lockerheit, die alles bisher Dagewesene übertraf.
Die Leute standen immer wieder bewundernd
vor den beiden Bauwerken, und wenn sie auch dem Meister zunächst das gebührende Lob nicht versagten, so wurde doch mehr und mehr der
Geselle zum gefeierten Helden. Vielleicht ahnten sie, daß er mit seiner Kunst eine Tür aufgestoßen hatte. Für den alten
Meister aber war die Bevorzugung des Gesellen eine herbe Enttäuschung. Nach außen ließ er sich nichts anmerken, doch die fortwährenden
Loblieder auf den Kontrahenten verbitterten sein ganzes Wesen. Der Geselle ahnte von alledem nichts. Fröhlich und liebenswürdig ging er
unter den Leuten umher, stets begleitet von seinem treuen Hündlein und freute sich mit der Unbekümmertheit des Arglosen seines Erfolges.
Das Herz des Meisters aber füllte sich mit giftigem Neid, der Quelle so vielen Übels.
Die Arbeiten waren längst abgeschlossen,
doch der Geselle wartete vergeblich auf seinen Lohn. Als er ihn endlich nachdrücklich verlangte, antwortete ihm der
Meister:
"Dein Turm ist wohlschön
geraten, aber einen großen Fehler besitzt er doch; den werde ich dir oben zeigen." Sie stiegen beide hinauf, und der Geselle beugte
sich weit aus dem Fenster, um den angeblichen Fehler zu entdecken. Auf diesen Augenblick hatte der haßerfüllte Meister gewartet. Mit
den höhnenden Worten:
"Hier hast du deinen Lohn!" stieß er den ahnungslosen Gesellen heftig hinaus, daß der
aus schwindelnder Höhe hinabstürzte und auf dem Pflaster zerschmettert liegenblieb.
Das winselnde Hündlein des Gemordeten
aber sprang ohne Zögern seinem Herrn nach und blieb ihm wie im Leben so auch im Tode treu zur Seite.
Einen Anklang an dieses Geschehen kann der
aufmerksame Besucher im Kircheninneren entdecken, wenn er die Kapitelle der Säulen nahe dem Hochaltar genau betrachtet. Hier findet sich
eine auf den Kopf gestellte männliche Figur mit emporgeworfenem oder emporwehendem Gewand und im Laubwerk daneben der Kopf eines Hundes.
Nach Joh. Chr. v. Hellbach sind die in der
Sage erwähnten Gebilde am Nordwestturm eine Anlehnung an diese Skulpturen im Chor.
Entschieden wendet er sich in seiner 1821
herausgegebenen Schrift über die Liebfrauenkirche und das Jungfrauen-Kloster gegen den Versuch des berühmten kaiserlichen Hofrates Joseph von
Hammer, ganz bestimmte Darstellungen in und an der Liebfrauenkirche als templerische, mystisch-gnostische Monumente zu deuten. Auch ein uralter,
mächtiger, eisenbeschlagener Schrank hatte den Gelehrten zu gewagten Vermutungen inspiriert. Der Zug seiner kunstvollen Ornamente ergebe nach
allen Seiten hin die Initialen WM, was auf die Mete der Gnostiker hinweise, heißt es in der Erläuterung des Herrn Joseph v. Hammer.
Es würde zu weit führen, hier
all den unterschiedlichen, widersprüchlichen Auslegungen nachzugehen. Auch sollte keiner der heutigen Besucher der Verlockung nachgeben, in
den an der Nordwand des Langhauses aufgestellten Schrankteilen das erwähnte mysteriöse Möbel zu vermuten. Wenngleich dort mit Hammerscher
Phantasie durchaus die genannten Züge herauslesbar sind, stammt die prächtige Arbeit doch aus dem 19. Jahrhundert. Vom großen Sakristeischrank,
den J. v. Hammer und J. Chr. v. Hellbach beschrieben, ist nichts geblieben. Die letzte Schranktür ging nach Abschluß der gründlichen
Gesamtwiederherstellung der Liebfrauenkirche (1880-1894) mit dem Leiter der Arbeiten, Hubert Stier, nach Hannover.
Für die Sage war der Schrank als
geheimnisvolles Behältnis interessant, was die nachfolgende Begebenheit verdeutlicht.
Quelle: Josef Czerny und Peter Unger - Gelb blüht die Wunderblume - Sagen und Überlieferungen aus dem Arnstädter Gebiet (1987)Mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers.